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Charly Kemmerling übergibt den Speimanes an Stefan Mertens

Kölner Stadt-Anzeiger, 12.01.2019

Von Monika Salchert

Köln - Bei der Wahl zu „Knollendorfs Next Top-Holzkopp“ läge der Speimanes mit Sicherheit ganz weit vorne. Nicht so sehr wegen seiner körperlichen Vorzüge oder seiner Sprachgewandtheit, doch in puncto Witz, Charme und Pfiffigkeit kann ihm kaum jemand das Wasser reichen.

Gut, Wasser ist bei dem staatlich geprüften Spuckprofi ohnehin kein Problem. Damit nicht genug. Einmal im Jahr wird der Publikumsliebling zum Kultstar. In der Puppensitzung ist der Manes Dreh- und Angelpunkt. Mit Spannung erwarten die Zuschauer den Moment, in dem er zum ersten Mal mit schlackernden Beinchen herbeisaust und laut hervorstottert: „Häääärr Ppppräsident – die Woosch“.

Puppen-Jobsharing ist im Hänneschen-Theater nicht neu 

In der aktuellen Produktion „Muttersproch alaaf you“ wird der Satz anders über die Britz schwappen. Erstmals seit gut zwei Jahrzehnten wird nicht Charly Kemmerling den Speimanes durch die Sitzung führen, sondern Stefan Mertens. Fast 25 Jahre waren Charly und Manes unzertrennlich. Weil Kemmerling aus gesundheitlichen Gründen seit einiger Zeit beruflich kürzer tritt und mit einer reduzierten Stundenzahl arbeitet, bröckelt ihre Männerfreundschaft ein wenig. „Wir trennen uns nicht. Wir gehen nur ein wenig auf Abstand, in Abendstücken und im Weihnachtsmärchen sind wir wieder zusammen. Nur halt in der Puppensitzung nicht mehr“, sagt der 60-Jährige.

Diese Form des Puppen-Jobsharings ist im Hänneschen-Theater nicht neu. Bereits Karl Funck, der 1928 als 14-Jähriger zum Theater kam und das Haus nach dem Zweiten Weltkrieg als Spielleiter wieder auf Kurs brachte, favorisierte das Modell. Er verkörperte während der jeweiligen Spielzeit die Figur des Hänneschens, aber in der Puppensitzung den Speimanes. Funck machte in diesen Produktionen aus dem zuvor eher als Nebenfigur eingesetzten Manes einen tragenden Charakter.

Drei Säulen der Interpretation

Auch die späteren Puppenspieler modellierten den Speimanes sanft, aber eindrucksvoll zu ihrer Figur. Bei Heribert Brands zum Beispiel zeigte der Schelm melancholische Momente und eine ins Tragische gehende Komik. Brands Nachfolger Charly Kemmerling ermutigte den Speimanes in der Puppensitzung noch stärker aus sich raus zu gehen. Seine Interpretation der Figur basierte auf drei Säulen. Kemmerling dachte sich immer etwas Besonderes aus, auf welche Art und Weise sein Kumpel erstmals in der Sitzung erschien. Ähnliches galt für die Woosch-Präsentation. Die berühmteste Blutwurst Kölns lag vor ihrem Einsatz in der Sitzung nicht einfach beim Metzger in der Auslage. Sie schlummerte mal als Reliquie im Dreikönigenschrein im Dom, mal war sie ein Teil der Olympischen Ringe oder sie stieg mit Helium gefüllt gen Himmel und verursachte aus Versehen eine Sonnenfinsternis.

Ganz typisch waren auch die ruhigen und besinnlichen Lieder des sonst so quirligen Gesellen. „Es war mir sehr wichtig, die Manes-Texte selber zu schreiben. Das betraf natürlich auch die Lieder. Mit ihnen wollte ich bewusst einen Ruhepunkt in der Sitzung setzten.“ Im Laufe der Jahre schrieb er 22 Manes-Lieder. Es gibt sie auf der CD „En Stemm für d’r Speimanes“ zum Nachhören. Nur „Et Speimanes-Leed“ hat Kemmerling ganz bewusst nie gesungen. „Aus Respekt vor der Leistung von Karl Funck habe ich das ausgelassen. Das ist sein Lied.“ Funck sang den Titel, den Hans Knipp geschrieben hat, erstmals 1975. Er war die A-Seite einer Vinyl-Single.

Ein wenig traurig ist Kemmerling schon, dass sein Manes als Literat nun mit einem anderen Spieler weiterzieht. Er gibt dem Kleinen einen freundschaftlichen Rat mit auf den Weg: „Loss dich nit vun fremde Kääls anspreche – nur vum Stefan“. Denn er hält große Stücke auf den jungen Kollegen. „Stefan ist ein wunderbarer Puppenspieler, der seine Rollen lebt und sehr professionell arbeitet.“ Mit dem Speimanes wird der 35-Jährige gut klar kommen, schließlich sind sie bereits seit drei Jahren in der Kinderpuppensitzung ein Team.

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