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Gedenkstätte auf dem Friedhof Melaten für Johann Christoph Winters

 Begründer des Kölner Hänneschen Theaters (1802)

Getauft am 23. November 1772 in Bonn  -  gestorben am 5. August 1862 in Köln

Wieso eine Erinnerungsstätte und keine Grabstelle?

Winters Grablege ist nicht mehr auffindbar, denn Armut hinterlässt keine Spuren. Und Winters blieb arm, trotz seines begeisternden Lebenswerks. Bezeugt ist seine jährliche Teilnahme an der „Greisenspeisung des Bürger-Comites“. Auf Melaten wurde er vermutlich in einem „Armengrab“ beigesetzt.

Das Feld für Armenbestattungen lokalisierte der ehemalige städtische Konservator Dr. Johannes Beines weit ab vom repräsentativen Eingang an der Aachener Straße, in der nordöstlichen Ecke des ersten Friedhofareals. Hier wurde 2002 die Gedenkstätte für den „Vater des Kölner Puppentheaters“ errichtet.  



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Wer war Johann Christoph Winters?

Nach Wanderjahren als Schneidergeselle kommt Winters nach Köln. Der Ehe mit der Kölner Kaufmannstochter Elisabeth („Lisette“) Thierry (1784 -1856), der späteren Theaterprinzipalin, entstammen sechs Kinder. Wegen schlechter Erwerbslage verdingt er sich im Sommer als Anstreicher. Für die Wintermonate beantragt er die Erlaubnis, ein „Krippenspiel für kleine Kinder“ aufzuführen. „Ich hoffe wegen Abgang anderen Verdienstes hiermit auf redliche Art mein Brot zu gewinnen“, heißt es in seiner Petition an den „Bürger Maire“. So hieß der Bürgermeister in der „Franzosenzeit“.


Mit der Gründung einer Stockpuppenbühne in der Lintgasse (Altstadt) legte Winters den Grundstein für das Kölner Hänneschentheater. Behördeneingaben lassen 1802 als Gründungsjahr vermuten. Das Theater vollzog mehrfache Standortwechsel, war aber nie Wanderbühne. Es gilt als erste feste Bühne Kölns.


Die Eheleute avancieren mit ihrem kleinen Ensemble zum führenden Puppentheater in der Stadt. In der Tradition der Mysterienspiele trat Hänneschen zunächst als Intermezzo-Figur („Krippen-Hänneschen“) auf und bediente mit lustigen Faxen als Hanswurst (Hans > Hennes > Hänneschen) das Unterhaltungsbedürfnis des Publikums. Nach und nach erfindet Winters Figuren wie Tünnes, Schäl, Hänneschen, Bärbelchen, Besteva, Bestemo. Dort agieren sie im Spannungsfeld einer Stadt im Umbruch, zwischen agrarischer Herkunft und einbrechenden städtischen Einflüssen. Mehrere hundert Stücke aus der Feder des Theatergründers blieben erhalten, allerdings nur wenige seiner Puppen, etwa der „Teufel“ (s. Foto).


Winters hatte mehrere Konkurrenten. So die Puppenspielerfamilie Mille(o)witsch, die mangels einer Konzession 1843 auf die rechte Rheinseite auswich. Ab 1895 stellt sie Typen aus dem Puppentheater von echten Schauspielern dar – die Geburtsstunde der späteren Volksbühne.

Wie ging es nach Winters weiter?

Nach Winters Tod 1862 blieb das Puppentheater bis 1919 in direkter familiärer Nachfolge.

Winters älteste Tochter, Elisabeth Gertrud (1801-1837), führte mit Ehemann Paul Josef Königsfeld (1797-1863) die Bühne fort. Deren Tochter Maria Magdalena (1828-1893) übernahm sie mit Ehemann Peter Klotz (1830-1863) und nach dessen Tod alleine („1. Witwe Klotz“).

Deren Sohn Joseph Peter (1851-1911) führte die Bühne weiter. Nach dessen Tod übernahm dessen 2. Ehefrau, Elisabeth, geb. Bey (1851-1919) das Theater („2. Witwe Klotz“). Sie, ihr Mann Peter und dessen Mutter Maria Magdalena Klotz ruhen auf Melaten im Feld 87. Für die denkmalgeschützte Grabstelle übernahm 2022 der Hänneschen-Förderverein die Patenschaft. Enkelin und Urenkelin des Theatergründers erinnern daran, dass es unternehmensstarke Frauen waren, die die Puppenspieltradition ins 20. Jahrhundert hinüberlenkten.

Durch das Engagement der Theaterwissenschaftler Gebrüder Carl und Josef Niessen kam das Hänneschen 1926 in städtischer Trägerschaft und gehört seitdem zu den „Bühnen der Stadt Köln“.

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Johann Christoph Winters - Deutung und Bedeutung

Die Existenznot ihres Gründers war der Anstoß zur Gründung der Puppenbühne. Not kann zermürben. Sie kann aber auch Kreativität freisetzen. Winters Einfallsreichtum - auch der seiner Frau „Lisette“ - entwickelte Figuren-Charakteren, in denen Menschen sich und ihre Eigenarten wiederentdeckten. Winters Bühne wurde zu einer Institution mit hohem Identifikationswert für die Menschen einer Stadt im Umbruch (Franzosenzeit/ Preußenzeit). In Zeiten kaum existierender Medien bediente sie gleichermaßen Unterhaltungs- wie Informationsbedürfnisse und glossierte das aktuelle Geschehen: „Wat morgens passeet, kütt ovends op et Tapeet“.


In oft derber Überzeichnung spiegeln die in den Figuren angelegten Charakteren Aspekte aus dem Lebensalltag. Bis heute lebt die Dynamik des Puppenspiels von gegenpoligen menschlichen Eigenarten. Beispielsweise trifft die gutmütige Einfältigkeit des Tünnes auf die Gerissenheit des intriganten Emporkömmlings Schäl. Fernab jeder akademischen Kategorisierung skizzieren die Figuren menschliches Verhalten gleichwohl psychologisch treffend.

 

Im fiktiven Gemeinwesen „Knollendorf“ müht sich eine bunt gemischte Sippschaft um ein gedeihliches Miteinander. Vor allem mit Humor signalisiert ihre inkludierende Bereitschaft, in Beziehung zu bleiben, menschliche Vielfalt anzunehmen und auszuhalten. Vor allem dieser Aspekt motivierte die Städt. Schule in der Kinderpsychiatrie der Kölner Uniklinik, sich nach dem „Puppenvater“ Johann Christoph Winters zu benennen. Oberbürgermeister Norbert Burger begrüßte auf der Namensgebungsfeier, 1991, Magdalena Nicolaus als Ururenkelin des Theatergründers.

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Hänneschen Theater und Kölner Universität. Welche Beziehungen gibt es?

Schon bevor Johann Christoph Winters Namensgeber für die Schule in der Uniklinik wurde, gab es vereinzelte Verbindungen zwischen dem Puppentheater und der Kölner Uni.

In den Anfängen der Puppenbühne schrieb der letzte Rektor der alten Kölner Universität, Ferdinand Franz Wallraf, Stücke für das neu gegründete Stabpuppentheater. Schon damals erreichte es Menschen verschiedenster Milieus. Die Familie des Hafenarbeiters ging ebenso „nohm Winters“ wie Bürger der gelehrten und wohlhabenden Kreise.


Dr. Carl Niessen, 1920 weltweit ersten Professor für Theaterwissenschaft, erforschte mit seinem Bruder Dr. Josef Niessen die Geschichte des Hänneschentheaters. Mit Originalen von Puppen, Programmen, Kulissenelementen - gerade auch aus Winters Zeit - legte er einen Grundstock für die theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität auf Schloss Wahn. (s. Bild Hänneschen aus der Sammlung)


Nach 1945 diente die Universität in der kriegszerstörten Stadt als Ausweichstätte für die Kölner Bühnen. In der Aula spielte die Oper und im Hörsaal I „wood Hännesche jespillt“.


1993 eröffneten Ensemblemitglieder mit Hänneschen und Bärbelchen den von der Kölner Uniklinik ausgerichteten Kongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie. In kurzen Szenen warfen sie einen humorvoll-ironisierenden Blick auf das Fachgebiet. Die nonverbale Verständigungsebene erreichte auch jene Kongressteilnehmer, die nicht der kölschen Sprache mächtig waren.

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Wie kam es zur Gedenkstätte auf Melaten?

Feierlich-fröhliche Enthüllung der Gedenkstele am 21. September 2002

Anlass war das zweihundertjährige Bestehen des Hänneschentheaters 2002. Der damalige Rektor der Johann-Christoph-Winters-Schule, Wolfgang Oelsner, regte die Errichtung einer Gedenkstele für den Theatergründer an und rekrutierte mit Benefizführungen über Melaten erste Gelder.

Der bei der Kreissparkasse Köln angesiedelte Förderverein der Freunde des Kölner Hänneschen-Theaters begeisterte sich für die Idee und sagte die


Finanzierung der künstlerischen Arbeit zu. Die Friedhofsverwaltung stellte dafür die Parzelle im Winkel der Wege F und G zur Verfügung. In deren Umkreis wird das „Armengrab“ des Puppenspielers vermutet. Um Fundament, Transport und Aufstellung machten sich Steinmetzmeister Siegfried Dunkel und die Firma Grabmale Gericke verdient. Die Friedhofsgärtnerei „Grün an Melaten“ spendete die Erstbepflanzung und übernimmt seitdem unentgeltlich die Dauerpflege.

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Der Bildhauer Stefan Kaiser und die Stele für Johann Christoph Winters

Stefan Kaiser, geb. 1956, schuf die Stele für Johann Christoph Winters 2002. Der im Kölner Süden lebende Künstler erhielt seine handwerkliche Ausbildung an der Kölner Dombauhütte und schloss ein Studium zum Bildhauer ab. Als freier Künstler entwickelt Kaiser besonders Formen der „architektonischen Plastik“. Figürliche Plastiken sind von ihm vor allem im sakralen Umfeld zu sehen. Auch vier der insgesamt 106 Figuren am Kölner Rathausturm stammen aus seiner Hand.


Stefan Kaiser vertiefte sich in Ateliergesprächen mit Wolfgang Oelsner und Reinold Louis (Hänneschen Fördererverein) in Historie und Seele des Kölner Stabpuppentheaters. Winters volkstümliche Wirkung sprach für eine figürliche Darstellung. Der „Puppenvater“, seine bekanntesten Geschöpfe sowie Elemente von Stadt und Theater sollten erkennbar werden.


Das Fundament ist so tief, wie die Stele hoch ist. Es schließt im Erdbereich mit einer Basaltlavaplatte ab. Auf ihr erheben sich drei bearbeitete Blöcke hellen Udelfanger Sandsteins. Auf dem unteren Block gibt ein aufgezogener Theatervorhang den Blick auf Winters Lebensdaten frei. Die darüber stehenden Häuser wecken Assoziationen zum imaginären „Knollendorf“, Heimat der Hänneschensippschaft, wie auch zu den „Hüsjer bunt om Aldermaat“, die „kromm un scheef ston“.


An den Ecken des mittigen Vierkantschafts ist je eine zentrale Figur des Puppentheaters herausgearbeitet. Vorne die jugendlichen Protagonisten Bärbelchen (links) und Hänneschen (rechts), dahinter das ungleiche und dennoch unzertrennliche Paar Tünnes (links) und Schäl (rechts).    


Darüber wölbt sich der voluminöse Bauch Johann Christoph Winters. Was Körpergestalt und Gesichtszüge der Büste angeht, hielt sich Stefan Kaiser an eine Zeichnung im Skizzenbuch des Puppenspielers (s. Bild). Vermutet wird ein Selbstporträt. Es wäre die einzige Bildüberlieferung des Theatergründers.

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Am 21. September 2002 wurde die Gedenkstätte in einer Feierstunde der Öffentlichkeit übergeben

In Anwesenheit von Ehrenbürger und Ex-Oberbürgermeister Norbert Burger enthüllten Hänneschen und Bärbelchen die Büste ihres Gründervaters. Das Theaterensemble mit dem damaligen Intendanten Heribert Malchers, der Vorstand des Hänneschen-Fördervereins mit seinem Vorsitzenden Herrn Dr. Hans-Joachim Möhle sowie das Kollegium der Johann-Christoph-Winters-Schule und viele weitere Gäste und Unterstützer sangen zum Akkordeon von Wolfgang Jaegers „Et Drescherleed“. Martin Jungbluth rezitierte DeNoels Shakespeare-Parodie „Hänneschen auf´m Kirchhoff“. Im Schlusssegen schlug Pastor Wolfgang Kestermann den Bogen zu Winters Armenbegräbnis 140 Jahre zuvor. Die nachfolgende Intendantin Frauke Kemmerling war damals Chefredakteurin des Fördervereinsjournals und hielt das Ereignis in „Hinger d´r Britz“ fest. Über ihre Intendanz (2012-2022) hinaus sind ihr, dem Initiator sowie dem Förderverein die Würdigung für den Theatergründer ein besonderes Anliegen. Was ihm zu Lebzeiten nicht zuteilwurde, möge die Gedenkstätte nachreichen.  


Dass die Stele im Gegenlicht steht, widerspricht den Regeln der Kunst. Hier ist es augenzwinkernde Absicht. Ironie. Denn aus dieser Position schaut Winters vom einstigen Armenfeld auf die heute prominenteste Meile Melatens, den „Millionen-Allee“ genannten Hauptweg. Verhältnisse können sich wandeln, wenn man nur lange genug tot ist. Dann kann auch Armut Spuren hinterlassen. 


Wortwörtlich auf Augenhöhe blickt der ehemalige Tagelöhner der Stadtgesellschaft nun ins Gesicht. Mit dem Schalk eines Grielächers ruft er uns posthum zu: „Su lang ming Pöppcher spille, bin ich noch do!“ Möge es ihn mit manchen Kümmernissen seines Lebens versöhnen.







 

Literatur:

Borger, H. (Hrsg.) (1976) Kölner Geschichtsjournal, I. Das Hänneschen lässt die Puppen tanzen. Historische Museen der Stadt Köln

Kemmerling, F./Salchert, M. (2002) Mieh Hätz wie Holz. 200 Jahre Kölsch Hännesche. Köln. Emons

Oelsner, W. (2010) „Un deit d´r Herrjott mich ens rofe“. Eine Führung durch den Kölner Karneval auf dem Friedhof Melaten, Köln, 4. Aufl., Marzellen

Oepen, W. (2002) 200 Johr Hännesche! In: Programmheft „1802-2002, Sidder all do? Eja, zick 200 Johr!“

Schwering, M.L. (1982) Das Kölner Hänneschen-Theater. Geschichte und Deutung. Köln. Bachem

 

Fotonachweise:

Bild "Gedenkstätte": Csaba Peter Rakoczy
Brief Winters: RBA

Foto Teufel: RBA

Gemälde Hänneschen: RBA

Foto Schild der Johann-Christoph Winters Schule: privat/Wolfgang Oelsner

Foto Hänneschen: RBA

Foto Einweihung Gedenkstätte: Csaba Peter Rakoczy

Foto Stefan Kaiser: Csaba Peter Rakoczy

Foto Winters Selbstportrait: Aus dem Skizzenbuch von J.Chr. Winters (Theaterwissenschaftliche Sammlung, Schloss Wahn)

Foto Enthüllung: Csaba Peter Rakoczy